Brauchen wir Eichen

Mir lief gerade so ein Lao-tse-Spruch über den Weg:

Das Schwache und Biegsame ist immer stärker und widerstandsfähiger als das Starke und Starre.

Und da fielen mir wieder die beiden Versionen der Fabel vom Schilfrohr und der Eiche ein:

Jean de La Fontaine:
Die Eiche und das Schilfrohr
Die Eiche sprach einst so zum Schilf:
ihr habt wohl Grund zur Klage gegen die Natur;
der kleinste Sperling drückt euch lastend nieder,
der schwächste Hauch, der unvermutet
des Wassers Oberfläche kräuselt,
zwingt euch, das Haupt zu senken;
wogegen meine Stirn, dem Kaukasus verwandt,
der’s nicht genügt, den Sonnenstrahl zu hemmen,
gar noch der Wucht des Sturmes trotzt.
Nordwind scheint alles euch, mir alles Zephir.
Ja, sprösset ihr doch nur im Schutze meines Blattwerks,
womit ich alles ringsumher verhänge,
so hättet ihr nicht so zu leiden,
denn ich gewährte Schutz euch vor dem Wetter;
doch ihr entspriesst ja meistenteils
den feuchten Ufern in des Windes Reichen.
Mit euch war die Natur, scheint mir, sehr ungerecht.
Dies euer Mitgefühl, erwiderte der Strauch,
entspringt ’nem guten Kern, doch lasst die Sorge sein,
für mich sind Winde nicht so schrecklich wie für euch.
Ich beug’ mich, doch ich brech’ nicht. Ihr habt bis jetzt
ihren furchtbaren Stössen
mit ungekrümmtem Rücken widerstanden;
doch warten wir aufs Ende. Wie er so sprach,
rast wütend her vom Horizont
der grauenvollste Sohn,
den je der Norden bisher noch gebar.
Fest steht der Baum, gebeugt das Schilf.
Der Wind verdoppelt seine Kraft
so sehr, dass er entwurzelt
ihn, dessen Haupt dem Himmel nah
und dessen Fuss ins Reich der Toten ragte.

Jean Anouilh:
Die Eiche und das Schilfrohr
Die Eiche sprach einst so zum Schilf:
seid ihr’s nicht leid, euch diese Fabel anzuhören?
Ihre Moral ist doch verwerflich;
und unbedacht genug lehren die Menschen sie Kindern.
Neigen, stets sich beugen, ist das nicht viel zu sehr
schon Neigung menschlicher Natur?
Nun ja, sagt da das Schilf, heut’ ist’s nicht allzu schön;
der Wind, der eure Zweige schüttelt
(soweit ein Schilf von unten das ermisst)
beweist vielleicht euch noch – ganz unvermutet –
das wir, die kleinen Leute,
so schwach, so kümmerlich, so niedrig, so voll Vorsicht
und stets besorgt um unser kleines Leben,
den Stürmen dieser Welt doch besser widerstehn
als jene Überheblichen, die sich für Grosse halten.
Bei diesen Worten hebt sich Wind, Unwetter tost
und der die Wälder verheerende Atem des Abgrunds wirft
ganz wie beim ersten Mal
den stolzen Baum, der seiner spottete, zu Boden.
Na also, sprach das Schilf, gleich nach dem Sturm,
– es hielt sich noch gebeugt von Restchen Wind –
wie meint er nun, der Kamerad?
(Zuvor hätt’ er dies Wort sich nie erlaubt.)
Was ich vorhergesagt, traf es nicht ein?
Aus seiner Stimme hörte man zum Hass
Genugtuung. Mit Glanz im trüben Blick.
Der Riese litt, verwundet,
tausend Tode, tausend Schmerzen,
fand noch ein traurig-schönes Lächeln,
sah, sterbend, auf das Schilf
und sprach: Ich bin, noch jetzt, die Eiche.

Beide Texte in: H. Blank, Die Fabeln von Jean Anouilh, Bd. II, Wilhelmsfeld 1996, 133, 135.

Vielleicht probiere ich diese Sache mal als Dialogprojekt. Das Original der Idee stammt von Uwe Viole

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